Hanns Heinz Ewers und das Café des Westens

Das Café des Westens um 1900.
Das Café des Westens um 1900. Foto: Wikimedia

Berlins legendärstes Künstlercafé: Am Kurfürstendamm 18/19, Ecke Joachimsthaler Straße, lag einst der Mittelpunkt des städtischen Geisteslebens: das Café des Westens, von Spöttern und Zaungästen auch Café Größenwahn genannt.

Wer zwischen Ende der 1890er und dem Beginn des Ersten Weltkriegs zur Boheme zählte, saß hier. Hanns Heinz Ewers gehörte dazu – als Stammgast und Netzwerker in einem Kreis, der die deutschsprachige Literatur der Moderne prägte.

Das Gebäude und seine Geschichte

Das Haus am Kurfürstendamm 18/19 in Charlottenburg entstand von 1893 bis 1895. Der Architekt entwarf die reich ausgestattete Fassade mit mächtiger Attika, Balustrade und Akroterien. Im Erdgeschoss eröffnete 1893 das erste Caféhaus am Kurfürstendamm überhaupt: das schlichte Kleine Café.

Ab Herbst 1896 bildete sich der erste feste Stammtisch. Die Literaten Maximilian Bern und Fritz Stahl initiierten ihn. In den umliegenden Wohnhäusern des sogenannten „Neuen Westens“ hatten bereits Künstler Ateliers gemietet, und anstatt in den Rummel der östlich gelegenen City zu ziehen, trafen sie sich im Kleinen Café. 1898 tauften sie es um in Café des Westens – und im selben Jahr übernahm der Italiener Rocco, „der Koch aller Köche“, die Leitung. Jetzt strömten die Künstler aus ganz Berlin herbei, und in bürgerlichen Kreisen wurde es schick, von einem Besuch in dem „verrückten Café“ zu erzählen.

Der Ort – von Zeitgenossen beschrieben

Der Journalist, Maler und Stammgast Edmund Edel schilderte die Atmosphäre:

„Der längliche Tisch wurde ein richtiger Stammtisch. […] Es war überhaupt kein Stammtisch im Sinne dieses jedem Deutschen zur Ehrfurcht kristallisierten Begriffes. Es war eine lange schmale Marmorplatte, glatt und unschuldsweiß, mit zartgrauem Geäst durchzogen, ein Geäst so zittrig wie die Seelen der Leute, die darum saßen, Kaffee, Bier, Schnäpse tranken, die Welt betrachteten und sich um die an einem Stammtisch sonst vorzüglich gepflegte „Kannegießerei“ einen Teufel scherten. […] Felix Hollaender und Fritz Stahl diskutierten miteinander und Franz Lippisch, der Maler, schwärmte von Italien. […] Frank Wedekind saß still und verdrossen am Tisch und wartete auf den Augenblick, jemanden eine Abfuhr zu geben. […] Es gibt wundervolle Abende, wo Geist und Witz Fangball spielen, und alle Register gezogen werden.“

— Edmund Edel, 20 Jahre Café des Westens. Erinnerungen vom Kurfürstendamm, hrsg. Ernst Pauly, 1913/14

Edel schwärmte von den weiblichen Gästen des Cafés:

„Ehret die Frauen im Café des Westens! Sie sitzen in wundersamen Kleidern von Seide und Sammet, in ‚Eigenkleidern‘ manche, komponiert nach geistreichen Entwürfen strebsamer Ateliergenossen. Oder wiederum in ‚Créationen‘, die Paris gesandt, in fließenden sanften Toiletten, in berauschenden Blusen, in seltsam gerafften Röcken.“

— Edmund Edel, 20 Jahre Café des Westens. Erinnerungen vom Kurfürstendamm, hrsg. Ernst Pauly, 1913/14

Der Maler und Schriftsteller Ludwig Meidner beschrieb den Künstlertreff nüchtern:

„Es unterschied sich von den zahlreichen Lokalen des Kurfürstendamms, da es nicht so elegant ausgestattet war wie jene, sondern ein unauffälliges Interieur zeigte. Man konnte dort bei einer Tasse Kaffee oder einem Glase Bier, die beide je 25 Pfennig kosteten, die ganze Nacht hindurch sitzen bis früh um fünf Uhr, ohne dass man von einem Kellner ermahnt wurde, etwas Neues zu bestellen.“

— Ludwig Meidner, Dichter, Maler und Cafés, Zürich 1973

Zwei Lager: Schwimmer und Nichtschwimmer

Das Café des Westens war kein homogener Ort – hier herrschten klare Hierarchien. Unter den Künstlern bildeten sich rasch zwei Gruppierungen heraus: das sogenannte Schwimmer- und das Nichtschwimmer-Bassin. Wer bereits einen Namen hatte, fand sich am Stammtisch des Malers Max Liebermann ein, zum Beispiel die Kritiker Alfred Kerr und Herbert Ihering. Am Komponistentisch, angeführt von Paul Lincke, verkehrten Walter Kollo und Jean Gilbert. Die aufstrebende Bohème schloss sich dem Künstlerkreis Die Brille um Max Reinhardt und Christian Morgenstern an.

Das Überbrettl – Ewers‘ Kabarett-Wurzeln

Das Café des Westens war nicht nur Treffpunkt, sondern auch Ideenwerkstatt. Ernst von Wolzogen, der zeitweise nur wenige Häuser weiter am Kurfürstendamm 14/15 wohnte, konzipierte hier sein Kabarett Überbrettl. Am 18. Januar 1901 feierte es Premiere und gilt als erstes deutsches Kabarett. Hanns Heinz Ewers gehörte 1901 zum Überbrettl-Ensemble, ebenso seine Frau Ilna Ewers-Wunderwald. Er rezitierte satirische Texte mit großem Erfolg – noch im selben Jahr wurde er künstlerischer Leiter. Zeitgleich entwickelte Max Reinhardt in demselben Lokal die Idee zu seinem Kabarett Schall und Rauch. Zwei Gründungen, ein Ort: das Café des Westens.

Edmund Edel beschrieb, wie der Kabarettkreis das Café transformierte:

„Eine neue Zwischenära wird durch das Erscheinen Wolzogens vorbereitet, der hier sein Überbrettl konzipiert (1900). Von da an fluten die Elemente seines Überbrettls in den Kreis – die Bradsky, Oscar Straus, Koppel, d’Estré, Olga Wohlbrück, Hanns Heinz Ewers.“

— Edmund Edel, 20 Jahre Café des Westens, 1913/14

Ewers als Nachbar und Netzwerker

Hanns Heinz Ewers wohnte ab 1905 in unmittelbarer Nähe des Cafés – in der Augsburger Straße 46, gemeinsam mit dem Schriftsteller Erich Mühsam und dessen Lebensgefährten Johannes Nohl. Das Café lag direkt gegenüber. Mühsam, jahrelanger Mitbewohner und Weggefährte, schrieb über ihn:

„Das war der einzige unter uns, dessen Freude an ungezwungenem und bewegtem Leben von praktischem Geschäftssinn wohltätig gebändigt war. Er verstand sich auf Geldverdienen, aber, wo es irgend ging, ließ er andere mitverdienen. Der ganze Künstlerkreis, mit dem er in Verbindung stand, lebte damals von den guten Honoraren, die Ewers für jeden von uns zu lockern wußte. Er ist ein Mensch, über den jeder schimpft, wenn er nicht dabei ist, und dessen liebenswürdige Selbstverständlichkeit bei der persönlichen Begegnung sofort jede Verstimmung zerstäubt.“

— Erich Mühsam, Unpolitische Erinnerungen, Vossische Zeitung, Berlin, September 1927 – April 1929

Ein Kosmos der Persönlichkeiten

Else Lasker-Schüler gab dem Monokel-Träger Hanns Heinz Ewers den Spitznamen „Dreiäugiger Sonnengott“. Sie verkehrte in dem Kreis der lyrisch-literarisch-expressionistischen Avantgarde, den sie gemeinsam mit ihrem Mann Herwarth Walden prägte. Zu diesem Kreis zählten Peter Hille, Alexander Roda-Roda, Leonhard Frank, John Höxter sowie die Ewers-Freunde Artur Landsberger und Frank Wedekind. Zwischen den Stammtischen des Cafés gab es teils fließende Übergänge: Manche lösten sich schleichend auf, andere entstanden neu – etwa der Treff der Elsässer um René Schickele (mit dem Ewers ein Literaten-Lexikon herausgab) und Otto Flake, der Monokel-Stammtisch mit (erneut) Alexander Roda-Roda und Richard Huelsenbeck (Mitbegründer des Dadaismus) sowie die Kreise rund um die beiden hier gegründeten Literaturzeitschriften, Waldens Der Sturm und Pfemferts Die Aktion. Nicht zu vergessen: die Schauspieler-Clique des Regisseurs Max Reinhardt sowie George Grosz, der später auch für Alfred Flechtheims Querschnitt tätig war – ein Magazin, mit dem auch Ewers eng verbunden blieb.

Die Stimmung dieser Jahre schilderte die Danziger Zeitung anlässlich einer Emmy-Hennings-Retrospektive:

„Nach den Vorstellungen schwärmte man dann durch Berlin, saß mit all den Leuten, die heute zum großen Teil ernsthafte und seßhafte Künstler sind, und damals wilde, gegen die Festungsmauern der Bourgeoisie wütende Bohemiens waren, im Café Größenwahn zusammen und raste gegen die bestehende Weltordnung bei einer Schale Kaffee, die der Oberkellner kreditieren mußte.“

— Danziger Zeitung, 5. April 1921

Herwarth Walden – selbst Stammgast und Mitgründer des Sturm – schrieb 1911 eine Satire auf den eigenen Treffpunkt:

„Dort, wo die Joachimsthalerstraße den Kurfürstendamm schneidet, haben sie den Sitz der Hölle aufgeschlagen. Scheu und geängstigt hastet der schlichte Bürger vorbei. Männer mit langen Haaren, schlangenhaft geringelten Locken, wildflatternden Krawatten, sezessionistischen Socken und alkoholfreien Unterhosen leben sich aus. Drücken sich bedeutsam in die Sofaecken, bespiegeln sich selbst und gegenseitig, schleudern sich biertonnengroße Weihgefäße um die stefangeorgeschen Ohrmuscheln, und bringen durch ruchloses, dekadentes Kaffeetrinken die deutsche Kunst an den Rand des Abgrunds. Altenberg kann leider das Reisen nicht vertragen, aber Hermann Bahr kommt zweimal in der Woche herüber, und Alfred Kerr steht in ununterbrochener telephonischer Verbindung mit der modernen Clique, während Karl Kraus von der Wiener Fackel Depeschen sendet. Dann schwirrt es in Telephon- und Telegraphendrähten von Ibsen und Hauptmann, von Strindberg und Wedekind, von Hoffmannsthal und Maeterlinck, von Shaw und d’Annunzio. So vergeht der Tag, bis abends die große Orgie der täglichen modernen Nacht beginnt: die markzerfressende Zersetzungsarbeit der Caféhausliteraten.“

Herwarth Walden, „Spezialbericht: Café Größenwahn“, in: Der Sturm, Nr. 82, Oktober 1911

Dass Walden diesen Text selbst verfasste – als Mann, der täglich am selben Tisch saß – zeigt den ironisch-selbstbewussten Geist dieser Künstlergeneration. Das Café Größenwahn wusste, was es war. Und es gefiel sich dabei.

Ewers, der Globetrotter – und seine Rückkehr auf die „Café-Bühne“

Das Café des Westens war auch der Ort, an dem Hanns Heinz Ewers seine exotisch-weltmännische Reputation aufbaute und pflegte. Der Wiener Journalist Egon Dietrichstein erinnerte sich mit einem Augenzwinkern:

„Eines Tages kam er direkt aus Guatemala in das Café des Westens. Wie man etwa aus Charlottenburg kommt. Aber einer der Literaten hatte ihn vor zwei Tagen in Düsseldorf gesehen, wo er sich längere Zeit bei seiner Mutter aufhielt. Und dieses Enfant Terrible war so undelikat, dies der Gesellschaft bekannt zu geben. Und die Anteilscheine von Hanns Heinz Ewers Reiseexotik sanken im Kurs.“

— Egon Dietrichstein, Erinnerungen an Hanns Heinz Ewers, ca. 1918, Nachlass Hanns Heinz Ewers, Rheinisches Literaturarchiv

Der Schauspieler Rudolf Forster schilderte Ewers‘ stürmische Rückkehr aus fernen Ländern:

„Wenn er und seine Nina [gemeint: Gattin Ilna Ewers-Wunderwald] aus Afrika oder irgendeinem exotischen Land kamen, eilten sie beide, noch in Tropenanzug und Helm, stehenden Fußes vom Bahnhof Zoo ins Café des Westens, die Taschen vollgestopft mit den unmöglichsten Dingen. Verkleidet in Mokassins, erzählten sie uns bloody stories von Nilpferden, Löwen, Elefanten.“

Rudolf Forster, Das Spiel mein Leben, Berlin 1967

Das Ende einer Ära

1904 hatte Betreiber Ernst Pauly das Café von Roccos Schwager übernommen und bis in den ersten Stock ausgebaut – Billardtisch inklusive. Doch 1913 zog Pauly in den Neubau „Union Palast“ am Kurfürstendamm 26 – die Künstler folgten nicht. Else Lasker-Schüler verabschiedete sich mit einem offenen Brief:

„Unser Zorn liegt nun über dem Café des Westens wie über einem verlorenen Paradies, in dem wir nicht sündigten, aber das an uns sündigte. Als wir auf der Straße standen, gedachten wir mit Wehmut des Gründers unseres verlorenen Cafés. Herr Rocco hatte es sich als besondere Freude angerechnet, daß wir Künstler in seinen Räumen verkehrten – wir Künstler haben sozusagen das Café des Westens mit auf die Welt gebracht, wir Künstler haben ihm das erste Feierkleid geschenkt, wir Künstler haben es zur Königin aller Cafés erhoben!“

Else Lasker-Schüler, Unser Café. Ein offener Brief an Paul Block, 1913

Erich Mühsam beschrieb den veränderten Ort mit bitterer Ironie:

„Von irgendwoher mal wieder für ein paar Monate nach Berlin zurückgekehrt, fand ich das Café des Westens baulich verändert, modernisiert und seiner früheren Gemütlichkeit einigermaßen beraubt vor. Der alte Künstlerstammtisch beim Eingang war in eine andere Nische gestellt. Dafür prangte ein Ölbild von Edmund Edel, auf dem Rossius-Rhyn, Hanns Heinz Ewers, ich und ein junges Mädchen meiner Freundschaft an vergangenen Glanz erinnern sollten, an der Wand. Über der Telephonzelle aber verschönte die Gipsbüste Wilhelms II. das verjüngte Lokal und gab zu vielen, dazumal nicht ganz ungefährlichen Witzen Anlaß.“

Erich Mühsam, Unpolitische Erinnerungen, Vossische Zeitung, Berlin, September 1927 – April 1929

Das Café des Westens am alten Standort bestand bis 1915. 1920 eröffnete dort kurzzeitig das Kabarett Größenwahn. Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm das Romanische Café an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche die Rolle als literarisches Zentrum Berlins.

Das Café Kranzler – Nachfolger und Erinnerungsort

Das Café Kranzler ist der Nachfolger des Café des Westens. 1932 eröffnete es am Kurfürstendamm 18/19, in den Räumen des legendären Künstlertreffs, der zu diesem Zeitpunkt die besten Zeiten längst hinter sich hatte. Das Originalgebäude wurde im Krieg zerstört, danach gab es in den Fünfzigern einen Flachbau und später einen zweigeschossigen Neubau, der um die Jahrtausendwende entkernt wurde. Nur die Rotunde auf dem Dach blieb erhalten und bietet heute einen 360-Grad-Blick über die City West.

Inzwischen hat eine hippe Rösterei das Café übernommen: The Barn – Flagshipstore im Café Kranzler. Hier wird der Kaffee nicht nur zum Vor-Ort-Trinken, sondern auch als Bohne für Zuhause verkauft. Für einen Caffè Latte zahlt man 4,50 Euro, muss ihn aber selbst an der Theke bestellen. Im Untergeschoss oder auf der Terrasse an der Straße sitzen – das geht nicht mehr. Ein Kontrast zu früher, als das Café noch über drei Etagen ging, mit Außenbestuhlung, Henkeltassen, Kännchen, Tischdecken, Sahnetorte und Bedienung am Tisch.

Dort, wo einst Hanns Heinz Ewers, Erich Mühsam, Else Lasker-Schüler und Frank Wedekind die Welt diskutierten, Weltanschauungen täglich „aus dem Ärmel geschüttelt“ wurden, und wo – wie Herwarth Walden selbstironisch festhielt – der moderne Geist durch „ruchloses, dekadentes Kaffeetrinken die deutsche Kunst an den Rand des Abgrunds“ brachte, bestellt man heute seinen Latte selbst an der Theke.

 

WEITERE INFOS: „Hanns Heinz Ewers für Anfänger“

DER ROMAN VON SEBASTIAN BRÜCK: „Der Über-Dandy. Hanns Heinz Ewers tanzt Italo Disco“

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