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Druckfähige Autorenfotos sowie eine Pressemitteilung zum Roman stehen auf der Verlagsseite bereit:
👉 „Der Über-Dandy. Hanns Heinz Ewers tanzt Italo Disco“ beim Omnino-Verlag
Autorengespräch zum Roman
Das folgende Interview mit Sebastian Brück bündelt Hintergründe zur Entstehung des Romans, zur Figur Hanns Heinz Ewers und zur formalen Anlage des Buches. Zitate daraus können bei Bedarf gern verwendet werden.
Wie sind Sie darauf gekommen, sich mit Hanns Heinz Ewers zu beschäftigen?
Zum ersten Mal habe ich Mitte der 2010er Jahre von Ewers gehört. Rein zufällig, als ich allgemein zu Düsseldorfer Schriftstellern recherchierte – ich las nur „hat mal mit den Nazis zu tun gehabt“ und habe sofort abgewunken, ohne mir die Mühe zu machen, tiefer einzusteigen. Dass er zu seinen besten Zeiten weltberühmt und einer der meistübersetzten deutschen Autoren war, ist mir so zunächst entgangen.
Dann, 2020, bei der Recherche für eine WZ-Kolumne über einen vergessenen Düsseldorfer Künstlertreff, bin ich erneut auf ihn gestoßen: Es ging um das Weinlokal „Zum Rosenkränzchen“ in der Düsseldorfer Altstadt, wo sich ab 1909 Kreative wie Hermann Harry Schmitz, Herbert Eulenberg und eben auch Ewers und seine Frau Ilna Ewers-Wunderwald mit Gleichgesinnten trafen.
Bei der Gelegenheit habe ich die „lange Nacht“ über Ewers im Deutschlandfunk gehört, wo er als „Stephen King des wilhelminischen Kaiserreichs“ bezeichnet wird (hier online abrufbar). Und dann habe ich auch noch Wilfried Kugels 500-Seiten-Ewers-Biografie „Der Unverantwortliche“ gelesen. Danach war ich fasziniert. Dachte: Was für eine Kombination. Literarische Avantgarde, Narzissmus, Vorreiter in vielen Dingen, politische Fehltritte, Experimente mit Drogen als kreativer Motor. Diese Spannung – genau die wollte ich literarisch erkunden.
Was ist das Außergewöhnliche an Hanns Heinz Ewers?
Seine Widersprüchlichkeit – zwischen Genie und Größenwahn. Im Kaiserreich war er ein Contrarian, der sich mit allen anlegte – ohne Rücksicht auf Verluste. Gleichzeitig war er gnadenloser Opportunist, wenn es um den eigenen Vorteil ging.
Wie schon angedeutet war er aber auch bei vielem einer der Ersten oder der Erste. Ende der 1890er schreibt er für die erste deutsche Homosexuellenzeitschrift Der Eigene – obwohl er sich selbst nie outete, aber sehr wahrscheinlich bisexuell war. Seine Erzählung „Die Tomatensauce“ gilt heute als Gründungstext des Splatter-Genres. 1913 dreht er „Der Student von Prag“, den weltweit ersten Kunst- und Autorenfilm. Er korrespondiert mit Walther Rathenau und träumt von einer deutsch-jüdischen Kulturnation. 1927 schreibt er mit „Fundvogel“ den ersten deutschen Roman über eine medizinische Geschlechtsumwandlung.
Und ausgerechnet dieser progressive, avantgardistische Paradiesvogel dient sich dann schamlos den Nazis an – tritt 1931 in die NSDAP ein, schreibt als Auftragsarbeit den Horst-Wessel-Roman, also eine literarische Heroisierung des SA-Märtyrers Horst Wessel –, wird kurz darauf von ihnen verstoßen, erhält Schreibverbot, seine Bücher werden teilweise verbrannt. Später hilft er jüdischen Freunden bei der Ausreise. Das entschuldigt nichts, zeigt aber, dass seine Biografie komplex ist und sich einfachen Schwarz-Weiß-Mustern entzieht. Solch einen Lebenslauf kann sich keiner ausdenken.
Warum sollte man über so eine problematische und historisch belastete Figur wie Ewers „trotzdem“ einen Roman schreiben?
Gerade weil er so problematisch ist. Literatur lebt von Ambivalenz – und Ewers ist das Paradebeispiel dafür. Der Roman verklärt ihn nicht, sondern macht seine Widersprüche zum zentralen Spannungsfeld. Die politischen Verirrungen, die literarischen Innovationen, die Exzesse, der dandyhafte Hang zur Oberfläche – all das ist unauflöslich miteinander verschränkt. Der Erzähler idealisiert Ewers zeitweise, träumt davon, dass sein Begleiter echt, also tatsächlich ein Zeitreisender und nicht etwa ein Verrückter oder Schauspieler sein könnte. Aber der Roman markiert diese Nähe als problematisch: Der Erzähler reflektiert seine Obsession, zweifelt, fragt sich, ob er moralisch über eine Grenze geht. Die Leserinnen und Leser müssen diese Spannung aushalten, ohne dass ich ihnen vorschreibe, wie sie Ewers zu bewerten haben. Es geht darum, sich mit der Ambivalenz des Hanns Heinz Ewers auseinanderzusetzen, statt sie wegzuerklären.
Sind Sie der erste, der Hanns Heinz Ewers als literarische Figur wiederbelebt hat?
Nein, keineswegs. Ewers taucht immer wieder in der Popkultur auf. Bereits 1995 hat der britische Autor Kim Newman ihn in seinem Roman The Bloody Red Baron (auf Deutsch bei Heyne: Der rote Baron) als dandyhaft gekleideten Vampir in einer Alternate-History um den Ersten Weltkrieg inszeniert. 2024 hat der WDR die zehnteilige, in den zwanziger Jahren der Weimarer Republik spielende Hörspielserie Dämonenjäger Ewald Heine produziert, deren Protagonist eindeutig Ewers-abgeleitet ist (Heine war ein Idol von Ewers, sieh hier: „Die reale Figur hinter dem Podcast„). Auch Emma Braslavsky nimmt Ewers in ihrem Suhrkamp-Roman „Erdling“ als literarische Figur auf – das Werk erschien 2023, da hatte ich die erste Fassung von Der Über-Dandy gerade fertig. Ewers gehört also zum kulturellen Diskurs. So hat zum Beispiel Deutschlandradio Kultur 2011 die Ewers-Erzählung Die Spinne unter dem Titel Clarimonde als Hörspiel produziert.
Inwiefern ist der Ich-Erzähler autobiografisch?
Stephan Unverfehrt ist eine literarische Figur – ein Realschullehrer mit Ewers-Obsession, der online bei Wattpad Fanfiction im Ewers-Stil schreibt, etwas verschroben, frisch geschieden, ein Außenseiter. Wir haben zwar ein ähnliches Alter, aber die Nähe zu Ewers habe ich beim Erzähler bewusst verschärft, ihn zum kompletten Ewers-Nerd gemacht. Für ihn ist der einstige Skandal-Schriftsteller eine Art Vorbild – wegen seines Schreibstils und durch seinen Nonkonformismus. Vielleicht wäre er gerne ein wenig wie Ewers. Gleichzeitig weiß er genau, dass Ewers durch seine zeitweise Nähe zum Nationalsozialismus zurecht als kontaminiert gilt. Diese innere Zerrissenheit habe ich literarisch zugespitzt. Das ist Rollenprosa.
Autobiografisch ist, dass man sich automatisch mit Ewers’ Ambivalenz auseinandersetzen muss, sobald man tiefer in sein Leben einsteigt. Und dann gibt es noch einen weiteren persönlichen Bezug: Die Einstiegsszene meines Romans findet vor dem Ewers-Grab auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof statt – eine Lesung aus Anlass des 150. Geburtstags des 1871 geborenen Autors, mit Gästen und Diskussion. Eine solche Lesung gab es tatsächlich, organisiert vom Literaturbüro NRW im Künstlerverein Malkasten, genau dort, wo Ewers früher verkehrte und seine Frau Ilna kennenlernte. Am 3. November 2021 habe ich vor Publikum meine VierNull-Kolumne „Düsseldorfs vergessener Star-Autor“ vorgelesen – mit Ideen, die bereits im halb fertigen Roman steckten, was damals niemand wusste. Und die an den Nordfriedhof verlegte Einstiegsszene war zu diesem Zeitpunkt bereits geschrieben.
Und warum die Verbindung zu Italo Disco?
Weil es perfekt zu Ewers passt – und gleichzeitig absurd ist. Ewers war Anfang des 20. Jahrhunderts ein Italienreise-Pionier, hat mit seiner Frau Ilna zwei Jahre in einer Künstlerkolonie auf Capri gelebt, als Nudist, als Dandy. Wenn er jetzt aus dem Jahr 1940 ins Jahr 2021 reist und die verpasste Kulturgeschichte nachholt, liest er die Standardsachbücher über die Nazizeit, von Sebastian Haffner bis Daniel J. Goldhagen – aber er hört sich eben auch durch die Popmusikgeschichte.
Und dabei bleibt er bei den Italo-Disco-Tracks der 1980er hängen: wegen seines Italien-Faibles, aber auch weil es Mainstream und gleichzeitig ein bisschen Underground ist. Und natürlich, weil diese Musik eine starke Oberflächen-Ästhetik hat – genau wie Ewers selbst als narzisstischer Dandy. Mein Erzähler teilt diese musikalische Leidenschaft, insofern verbindet sie die beiden. Lustigerweise kann Ewers mit Kraftwerk trotz seiner Düsseldorfer Herkunft gar nichts anfangen – während der Erzähler ihm ständig erzählen möchte, wie wichtig Kraftwerk für die Popkultur gewesen sind. Ewers dagegen behauptet provokant: Ohne Italo Disco gäbe es weder House noch Techno. Diese popkulturellen Kämpfe sind auch Teil des Romans.
Welchem Genre ist der Roman zuzuordnen?
Zeitreise-Roman trifft historische Biografie mit metafiktionalem Twist. Metafiktional deswegen, weil der Erzähler beschreibt, wie der Mann, der behauptet, Hanns Heinz Ewers zu sein, ihn beauftragt, einen Roman zu schreiben: einen Roman über die gemeinsame Reise, die sie gerade unternehmen und die den Spuren von Hanns Heinz Ewers folgt – mit Italo Disco als Soundtrack.
Der Roman liegt bewusst zwischen den Genres , was zu Ewers’ eigener Ambivalenz passt. Er ist nicht eindeutig einzuordnen, genau wie Ewers selbst nicht eindeutig einzuordnen ist. Daher auch der Untertitel: „Aus der Zeit gefallener Roman“. Das ist Programm: ein Buch, das selbst aus der Zeit gefallen ist – zwischen Pop und Bildungsbürgertum, zwischen Unterhaltung und literarischem Anspruch.
Ist „Der Über-Dandy“ ein Roman für Ewers-Fans?
Auch, aber bei weitem nicht nur. Wer Hanns Heinz Ewers kennt, findet jede Menge Anspielungen und historische Details – aber nicht nur über ihn, auch über die Bohème im Café des Westens der Kaiserzeit. Der Roman funktioniert für Leute, die sich für Literaturgeschichte interessieren, genauso wie für Leserinnen und Leser von Popliteratur und Kenner von Popkultur. Ich glaube, das Publikum ist breiter, als man denkt – es ist nicht so zugespitzt auf eine Nische.
Und wichtig: Der Roman soll nicht dazu anregen, Ewers zu lesen (kann man natürlich machen, aber das ist nicht das Ziel). Eine von Ewers’ besten Geschichten ist sein eigenes Leben – und genau das erzähle ich über den Kunstgriff einer Zeitreise aus heutiger Perspektive.
Was sind Ihre literarischen Einflüsse?
Ich lese sehr unterschiedlich: von Thomas Glavinic, Christian Kracht, Bret Easton Ellis oder Virginie Despentes bis zu Übersetzungen aus der spanischsprachigen Welt – Autoren wie Roberto Bolaño, Pola Oloixarac, Sara Mesa, Milena Busquets, Benjamin Labatut.
Wie genau sich das in meinem eigenen Schreiben niederschlägt, kann ich schwer beurteilen. Ich komme ja nicht aus dem Umfeld der Schreibschulen in Leipzig oder Hildesheim, sondern habe mir meinen Stil eher autodidaktisch und unbewusst angeeignet. Auf jeden Fall verarbeite ich oft und gerne popkulturelle Einflüsse.
Wie wichtig sind Meta-Ebene und (Un)Zuverlässigkeit?
Das ist zentral: Der normalerweise Fanfiction im Stil von Hanns Heinz Ewers schreibende Erzähler wird von seinem Begleiter, der behauptet Hanns Heinz Ewers zu sein, beauftragt, ein Buch über den gemeinsamen Roadtrip auf den Spuren von Hanns Heinz Ewers zu schreiben. Er dokumentiert also quasi sein eigenes Dilemma: Ist der Ewers-Doppelgänger ein Hochstapler oder tatsächlich ein Zeitreisender? Und der Leser fragt sich vielleicht, ob die Story gar einer Wahnvorstellung des Erzählers entsprungen sein könnte. Das ist bewusst unzuverlässig gebaut – man muss selbst entscheiden. Genau das macht die Meta-Ebene aus: Literaturgeschichte trifft Popkultur, Realität und Fiktion verschmelzen.
Wer sollte dieses Buch nicht lesen?
Dieser Roman ist ungeeignet für Leserinnen und Leser, die nach 30 Seiten wissen wollen, wer gut und wer böse ist, wie „die Botschaft“ lautet – und auf welcher moralischen Parkbank sie sich endgültig niederlassen dürfen. Denn in Der Über-Dandy stehen die Figuren ständig wieder auf, wechseln die Seite oder setzen sich gleich daneben auf den Boden.
Ebenso wenig empfiehlt sich das Buch für alle, die möchten, dass ein Roman sich ordentlich benimmt und brav in genau eine Sparte passt. Dieser hier hat am Fach „Historischer Roman“ geknabbert, im Bereich „Popliteratur“ übernachtet, kurz bei „Biografie“ vorbeigeschaut – und die Beine baumeln in der „Meta-Etage“, irgendwo zwischen „Roadnovel“ und „Literaturgeschichte“.
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